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Seychellen - Im Wald der schwarzen Papageien - Das Vallée de Mai auf Praslin

Wenn ein schwarzer Papagei das Fruchtfleisch einer 20 Kilogramm schweren Nuss genießt, dann gibt es nur einen Ort auf der Erde, wo dies möglich ist: im Vallée de Mai auf Praslin, einer der Hauptinseln der Seychellen. Inmitten des indischen Ozeans gelegen, rund 1.500 Kilometer entfernt von der Küste des afrikanischen Kontinents, befindet sich hier ein einzigartiges Paradies.

Die gigantischen Stämme und Blätter der Coco-de-Mer-Palmen, mit der weltweit größten Kokosnuss, bilden ein nahezu undurchdringliches Dickicht im zentralen Ostteil der Insel. Von einem verzweigten Fluss-System gespeist, gedeiht im Schatten der Bäume üppige Tropenvegetation. Eine der seltensten Tierarten fühlt sich nur in dieser Umgebung wohl: der Schwarze Vasapapagei. Er kommt auf Praslin lediglich noch mit etwa 50 Exemplaren vor. Doch seine Heimat ist im selben Maße bedroht wie er. Nur dadurch, dass die UNESCO beide im Jahr 1983 ins Weltnaturerbe aufgenommen hat, wurde ihr Bestand gesichert. Im Jahr 2008 hatte der Schutzstatus eines der schönsten Paradiese auf Erden 25 Jahre Bestand.

In Stunden, in denen Edwina mit sich und der Natur allein sein will, verschlägt es die dunkelhäutige Seychelloise in dieses wildromantische Tal. Hier trifft sie auf merkwürdige Pflanzen und Tiere, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Nur Menschen begegnet sie zu dieser Tageszeit kaum auf dem schmalen Pfad durch den Wald. Es ist ihre Mittagspause, und die ganze Insel hält Siesta. Von Zeit zu Zeit hält Edwina Ausschau nach Vögeln. Sie hofft, die dunkel gefiederten Papageien endlich einmal zu Gesicht zu bekommen. Seit verschiedene ausgeschilderte Besucherwege den Nationalpark durchkreuzen, hat sich der scheue Vogel selbst hier in seiner einzigen Heimat rar gemacht. Wer ihn entdeckt, kann sich glücklich schätzen, denn auch unter den Einheimischen gilt eine solche Begegnung als einzigartig.

Aber auch für die anderen Bewohner des Parks hat Edwina große Bewunderung übrig. Auf Schritt und Tritt begegnet sie Lebewesen, von denen so manches mit Superlativen aufwarten kann. Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist die sagenumwobene Coco-de-Mer. Ihren Namen hat die Meereskokosnuss dem Umstand zu verdanken, dass die Frucht erstmals am Strand gefunden wurde. Jahrelang war nur die riesige, bis zu 20 Kilogramm wiegende Doppelnuss bekannt, doch die dazugehörende Mutterpalme war nicht auffindbar. So nahmen die Entdecker des Strandguts an, es handle sich um eine Unterwasserpflanze. Erst im Jahre 1768 gelang einer Expedition die Zuordnung der Frucht zum passenden Baum. Bis auf wenige vereinzelte Exemplare auf der Nachbarinsel Curieuse wächst die mächtige Palme heute allein auf Praslin, an den unwegsamen Hängen aus Granitfels.

Welche gewaltigen Ausmaße die Palmen erreichen können, wird nirgendwo deutlicher, als wenn der Mensch direkt unter ihnen steht. Die ältesten Exemplare sollen 800 Jahre alt und bis zu 40 Meter hoch sein. Rund 14 Meter lang werden die Blätter junger Coco-de-Mer-Palmen bereits, bevor sie überhaupt einen Stamm bilden. So dauert es viele Jahre, bis die reife Palme zum ersten Mal Früchte trägt. Diese aber sind nicht nur unter Einheimischen heiß begehrt. Die jährliche Ernte der ebenso exotischen wie erotischen Nuss mit der Form eines weiblichen Beckens musste daher auf 3.000 Stück begrenzt werden. Zur Einhaltung der Exportbeschränkung führt die Regierung strenge Kontrollen durch.

Edwina setzt sich auf einen umgefallenen Baumstamm am Wegrand und nimmt ein Stück der äußeren Schale einer solchen Nuss in die Hand. Das weiche, faserige Material, das den harten Kern im Innern schützt, verströmt ein starkes Aroma, solange es noch frisch ist. Die Seychelloise zieht ein Stück Haut von der Schale ab und zerreibt es sich unter der Nase. Wie ein Meer tropischer Blüten, gemischt mit dem charakteristischen Kokosaroma, duftet die hellbraune Faser.

In diesem Moment geht ein Windstoß durch den Palmenwald. Es knackt im Geäst, und hoch über Edwinas Kopf schlagen Palmwedel laut gegeneinander. Es hört sich an, als würden Wellbleche aus Metall aneinander prallen. Klein wie eine Ameise kommt sich die junge Frau zwischen den riesigen Blättern der Palmen und Baumfarne vor. Edwina schaut sich um. Fächer, so groß wie Zeltplanen, wiegen sich im Wind und reiben an benachbarten Blattwedeln. Luftwurzeln und Lianen winden sich an den Stämmen der Bäume entlang. Ein fast undurchdringlicher Dschungel erstreckt sich nach allen Seiten. Nur der schmale, gewundene Pfad mit den zahlreichen Treppenstufen bildet eine Trasse, durch die von der Seite etwas Licht in den Wald fällt. Von oben her dringt kaum ein Sonnenstrahl durch das Blätterdach. Und wo doch eine Lücke frei ist, zaubert die Sonne ein ständig wechselndes Spiel aus Licht- und Schattenmustern auf die grünen Leinwände ...





Ort:Startfrei Reinhold Wagner
Freiburg
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